Naturheilkunde und Homöopathie werden im Alltag häufig in einem Atemzug genannt, obwohl es sich um zwei grundverschiedene Dinge handelt. Das eine ist eine Sammlung von Verfahren, für die teilweise gute Daten vorliegen, das andere ein geschlossenes Lehrgebäude aus dem 18. Jahrhundert. Wir haben die Begriffe getrennt, die einzelnen Verfahren eingeordnet und aufgeschrieben, wo die Datenlage belastbar ist und wo nicht.
Der Unterschied, der selten gemacht wird
Naturheilkunde bezeichnet Verfahren, die mit natürlichen Reizen arbeiten: Wasser, Wärme, Kälte, Bewegung, Ernährung, Licht und Heilpflanzen. Die klassische Naturheilkunde nach Sebastian Kneipp ruht auf fünf Säulen: Wasseranwendungen, Bewegung, Ernährung, Heilpflanzen und Lebensordnung. Diese Verfahren wirken über nachvollziehbare körperliche Reaktionen, etwa die Anpassung der Gefäßweite bei einem Kaltwasserreiz.
Die Homöopathie dagegen wurde von Samuel Hahnemann um 1796 begründet und beruht auf zwei Annahmen: dem Ähnlichkeitsprinzip, wonach ein Stoff, der bestimmte Symptome auslöst, dieselben Symptome auch behandeln soll, und der Potenzierung, also der schrittweisen Verdünnung unter Schütteln. Mit natürlichen Reizen im Sinne der Naturheilkunde hat das nichts zu tun.
Phytotherapie: der Teil mit der besten Datenlage
Die Pflanzenheilkunde arbeitet mit messbaren Mengen pflanzlicher Wirkstoffe. Genau das unterscheidet sie von der Homöopathie: Ein standardisierter Extrakt enthält eine definierte Menge einer Leitsubstanz, und diese Menge lässt sich mit den Mengen aus Untersuchungen vergleichen.
Für mehrere Heilpflanzen liegen Monografien der Europäischen Arzneimittel-Agentur vor, die den Anwendungsbereich und die Belegqualität festhalten. Gut untersucht sind unter anderem:
- Johanniskraut: bei leichten depressiven Verstimmungen in mehreren kontrollierten Untersuchungen geprüft. Zu beachten sind erhebliche Wechselwirkungen, unter anderem mit hormonellen Verhütungsmitteln, Gerinnungshemmern und Immunsuppressiva.
- Pfefferminzöl: in magensaftresistenten Kapseln bei Beschwerden im Bereich des Reizdarms untersucht.
- Ingwer: bei Übelkeit, unter anderem in der Schwangerschaft und nach Operationen, mit brauchbarer Datenlage.
- Baldrian, Melisse und Hopfen: traditionell bei Einschlafproblemen verwendet, die Datenlage ist uneinheitlich, die Verträglichkeit gut.
- Weidenrinde: enthält Salicin, den natürlichen Vorläufer der Acetylsalicylsäure, und ist damit ein historisches Beispiel dafür, wie aus einer Heilpflanze ein Arzneistoff wurde.
Pflanzlich bedeutet dabei nicht harmlos. Wirksame Mengen haben immer auch Wechselwirkungen, und gerade bei Johanniskraut werden diese regelmäßig unterschätzt.
Hydrotherapie, Bewegung und Ernährung
Wasseranwendungen nach Kneipp, etwa Wechselduschen oder Armbäder, lösen eine messbare Reaktion der Blutgefäße und des vegetativen Nervensystems aus. Für die Abhärtung durch regelmäßige Kaltreize liegen Untersuchungen vor, die eine geringere Häufigkeit von Infekten der oberen Atemwege beschreiben, allerdings mit begrenzter Teilnehmerzahl.
Bewegung und Ernährung gehören formal zur Naturheilkunde und haben unter allen genannten Verfahren mit Abstand die beste Datenlage. Regelmäßige körperliche Aktivität ist für eine ganze Reihe von Zielgrößen belegt, von der Blutdruckregulation bis zur Schlafqualität. Dass diese beiden Säulen im Gespräch über Naturheilkunde am wenigsten Aufmerksamkeit bekommen, gehört zu den Merkwürdigkeiten des Themas.
Homöopathie: was die Potenzierung bedeutet
Bei der Potenzierung wird eine Ausgangssubstanz schrittweise verdünnt. D6 bedeutet eine Verdünnung im Verhältnis eins zu einer Million, C30 eine Verdünnung, bei der rechnerisch kein einziges Molekül der Ausgangssubstanz mehr in der Zubereitung enthalten sein kann. Die Avogadro-Konstante setzt hier eine harte physikalische Grenze, die etwa bei C12 überschritten wird.
Die Vorstellung, dass die Verdünnung die Wirkung verstärkt, ist mit dem gesicherten Wissen über Pharmakologie nicht vereinbar. Umfassende Bewertungen, unter anderem der australischen Gesundheitsbehörde NHMRC im Jahr 2015 und des wissenschaftlichen Beirats der europäischen Wissenschaftsakademien im Jahr 2017, kamen übereinstimmend zu dem Ergebnis, dass für homöopathische Zubereitungen keine über den Placeboeffekt hinausgehende Wirksamkeit nachgewiesen ist.
Wir schreiben das so deutlich, weil die Unterscheidung praktische Folgen hat. Wer eine bakterielle Infektion oder eine ernsthafte Erkrankung ausschließlich homöopathisch behandeln lässt, verliert Zeit, und in diesem Zeitverlust liegt das eigentliche Risiko.
Wie du dich orientieren kannst
- Frage nach der Menge. Ein Verfahren, das eine wirksame Menge einer Substanz zuführt, kann diese benennen. Wo keine Menge genannt wird, gibt es meist auch keine.
- Sieh dir die Potenzangabe an. D6, C30 oder LM weisen auf eine homöopathische Zubereitung hin, nicht auf einen Pflanzenextrakt.
- Nimm Wechselwirkungen ernst. Sprich jede pflanzliche Zubereitung mit deiner Ärztin, deinem Arzt oder in einer Apotheke ab, wenn du verordnete Arzneimittel einnimmst.
- Ergänzen statt ersetzen. Naturheilkundliche Verfahren sind eine sinnvolle Ergänzung. Als Ersatz für eine notwendige Behandlung sind sie es nicht.
Unser Fazit
Naturheilkunde und Homöopathie gehören nicht in dieselbe Schublade. Phytotherapie, Hydrotherapie, Bewegung und Ernährung arbeiten mit messbaren Reizen und messbaren Mengen, und für mehrere dieser Verfahren liegen brauchbare Daten vor. Die Homöopathie folgt einer anderen Logik, und für sie ist ein Wirksamkeitsnachweis über den Placeboeffekt hinaus nach derzeitigem Stand nicht erbracht.
Wer diese Trennlinie kennt, kann die Verfahren nutzen, die tatsächlich etwas leisten, und muss sich für die anderen nicht rechtfertigen.
Quellen
- European Medicines Agency: Community herbal monographs, Committee on Herbal Medicinal Products.
- National Health and Medical Research Council (Australien): Statement on Homeopathy, 2015.
- EASAC: Homeopathic products and practices, Statement der europäischen Wissenschaftsakademien, 2017.
- Linde K. et al.: St John’s wort for major depression. Cochrane Database of Systematic Reviews, 2008.
- Khanna R. et al.: Peppermint oil for the treatment of irritable bowel syndrome. Journal of Clinical Gastroenterology, 2014.