Die Bachblüten-Therapie gehört zu den Verfahren, über die in Apotheken und Reformhäusern seit Jahrzehnten beraten wird, und über die zugleich am meisten Missverständnisse kursieren. Wir haben uns angesehen, was hinter den 38 Essenzen steckt, wie sie hergestellt und angewendet werden und was die Forschung dazu bislang zusammengetragen hat. Wenn du überlegst, ob dieses Verfahren für dich in Frage kommt, findest du hier die Grundlagen in geordneter Form.
Was die Bachblüten-Therapie ist
Entwickelt wurde das Verfahren in den 1930er Jahren von Edward Bach, einem britischen Arzt und Bakteriologen, der zuvor am University College Hospital in London tätig war. Bach ging von der Annahme aus, dass seelische Ungleichgewichte den Ausgangspunkt körperlicher Beschwerden bilden, und dass sich diese Ungleichgewichte über Blütenessenzen ausgleichen lassen.
Zunächst beschrieb er 19 Gemütszustände, später erweiterte er das System auf 38. Jedem dieser Zustände ordnete er eine Pflanze zu. Dazu kommt eine Mischung aus fünf Essenzen, die als Notfallmischung bekannt geworden ist und die den größten Teil des Umsatzes in dieser Produktgruppe ausmacht.
Die 38 Essenzen und ihre sieben Gruppen
Bach ordnete seine Essenzen sieben übergeordneten Gruppen zu. Diese Einteilung ist bis heute die Grundlage jeder Beratung zu diesem Thema:
- Angst: Zustände von konkreter oder unbestimmter Furcht, darunter Rock Rose, Mimulus, Cherry Plum, Aspen und Red Chestnut.
- Unsicherheit: Zweifel an der eigenen Urteilsfähigkeit, unter anderem Cerato, Scleranthus, Gentian, Gorse, Hornbeam und Wild Oat.
- Mangelndes Interesse an der Gegenwart: Zustände von Abwesenheit und Rückzug, etwa Clematis, Honeysuckle, Wild Rose, Olive, White Chestnut, Mustard und Chestnut Bud.
- Einsamkeit: Water Violet, Impatiens und Heather.
- Überempfindlichkeit: Agrimony, Centaury, Walnut und Holly.
- Verzweiflung: Larch, Pine, Elm, Sweet Chestnut, Star of Bethlehem, Willow, Oak und Crab Apple.
- Übermäßige Sorge um andere: Chicory, Vervain, Vine, Beech und Rock Water.
Wie die Essenzen hergestellt werden
Bach beschrieb zwei Verfahren. Bei der Sonnenmethode werden die Blüten am frühen Morgen gepflückt, in eine Schale mit Quellwasser gelegt und mehrere Stunden in die Sonne gestellt. Bei der Kochmethode, die für Pflanzen mit holzigen Teilen und für Blüten aus der kälteren Jahreszeit vorgesehen ist, wird das Pflanzenmaterial etwa dreißig Minuten in Wasser gekocht.
Die so gewonnene Flüssigkeit wird anschließend zu gleichen Teilen mit Alkohol versetzt und ergibt die Urtinktur. Aus dieser entstehen durch weitere Verdünnung die Vorratsflaschen im Handel. In der fertigen Zubereitung ist von der Ausgangspflanze rechnerisch praktisch nichts mehr enthalten. Das ist kein Nebeneffekt, sondern in der Logik des Verfahrens ausdrücklich so vorgesehen: Bach ging nicht von einem stofflichen, sondern von einem energetischen Übertrag aus.
Anwendung im Alltag
Üblich ist, aus der Vorratsflasche einige Tropfen in ein Glas Wasser zu geben und über den Tag verteilt zu trinken. Alternativ wird eine Einnahmeflasche gemischt, aus der mehrmals täglich einige Tropfen direkt auf die Zunge gegeben werden. In der Beratung wird meist empfohlen, nicht mehr als sechs bis sieben Essenzen gleichzeitig zu kombinieren, weil die Auswahl sonst unübersichtlich wird.
Die Auswahl erfolgt über den beschriebenen Gemütszustand, nicht über eine körperliche Beschwerde. Genau hier liegt der häufigste Anwendungsfehler: Wer nach einer Essenz gegen Kopfschmerzen sucht, hat das System missverstanden. Bach hat seine Zuordnungen ausschließlich über Stimmungen und Verhaltensmuster definiert.
Alkoholgehalt und wer vorsichtig sein sollte
Die Zubereitungen werden in Alkohol konserviert. Der Anteil in der Vorratsflasche liegt üblicherweise bei etwa 27 Volumenprozent, in der verdünnten Einnahmeflasche entsprechend deutlich niedriger. Für Menschen, die Alkohol meiden, für Kinder und in der Schwangerschaft ist das ein relevanter Punkt, der in der Beratung häufig übergangen wird. Es gibt alkoholfreie Zubereitungen auf Glyceringrundlage, die in diesen Fällen die sinnvollere Wahl sind.
Was die Forschung zeigt
Zur Wirksamkeit liegen mehrere randomisierte kontrollierte Untersuchungen vor, unter anderem zu Prüfungsangst und zu allgemeinen Angstzuständen. Zusammengefasst ergaben diese Untersuchungen keinen Beleg für eine Wirkung, die über den Placeboeffekt hinausgeht. Eine systematische Übersichtsarbeit, die die vorliegenden kontrollierten Studien zusammenführte, kam zum selben Ergebnis.
Aus Sicht der pharmakologischen Grundlagen ist dieses Ergebnis erwartbar, denn in der fertigen Zubereitung ist kein messbarer Anteil der Ausgangspflanze mehr nachweisbar. Wir halten es für richtig, das offen zu benennen, statt die Datenlage freundlicher darzustellen, als sie ist.
Der Placeboeffekt selbst ist dabei kein Nichts. Er ist messbar und in vielen Untersuchungen dokumentiert, besonders bei Beschwerden, die stark von der eigenen Wahrnehmung abhängen. Wer ein Ritual pflegt, sich mehrmals täglich einen Moment nimmt und die eigene Stimmung benennt, tut damit etwas, das für sich genommen einen Nutzen haben kann. Nur ist dieser Nutzen dann nicht der Essenz zuzuschreiben.
Wo die Grenzen liegen
Bei anhaltender Niedergeschlagenheit, ausgeprägten Angstzuständen, Schlafstörungen über mehrere Wochen oder belastenden Lebenskrisen gehört die Einschätzung in ärztliche oder psychotherapeutische Hände. Ein Blütenauszug ersetzt weder eine Diagnose noch eine Behandlung, und der Versuch, damit eine bestehende Therapie zu ersetzen, ist der Punkt, an dem aus einem harmlosen Ritual ein Risiko wird.
Wenn du verordnete Arzneimittel einnimmst, sprich die zusätzliche Anwendung mit deiner Ärztin, deinem Arzt oder in einer Apotheke ab. Das gilt besonders wegen des Alkoholgehalts bei bestimmten Wirkstoffen.
Unser Fazit
Die Bachblüten-Therapie ist ein in sich geschlossenes System aus 38 Essenzen, das über die Beschreibung von Gemütszuständen erschlossen wird. Ihre Beliebtheit erklärt sich aus der einfachen Anwendung und dem strukturierten Zugang zur eigenen Stimmungslage. Ein Nachweis einer über den Placeboeffekt hinausgehenden Wirkung liegt nach derzeitigem Stand nicht vor.
Wer das Verfahren mit dieser Einordnung nutzt, als Ritual und als Anlass zur Selbstbeobachtung, geht damit realistisch um. Wer sich davon die Behandlung einer bestehenden Erkrankung erwartet, wird enttäuscht und verliert im ungünstigen Fall Zeit.
Quellen
- Ernst E.: Bach flower remedies: a systematic review of randomised clinical trials. Swiss Medical Weekly, 2010.
- Thaler K. et al.: Bach Flower Remedies for psychological problems and pain: a systematic review. BMC Complementary and Alternative Medicine, 2009.
- Walach H. et al.: Efficacy of Bach-flower remedies in test anxiety: a double-blind, placebo-controlled, randomized trial. Journal of Anxiety Disorders, 2001.
- Bach E.: The Twelve Healers and Other Remedies. C. W. Daniel Company, 1936.